Ralu-Ilinca - Literarische Seite
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Aus dem Gedichtsband in Vorbereitung "Seelenknoten im Ultraschall"

Ipostaze - Ralu-Ilinca

       Pandora's Büchse

   

Wenn du sie öffnest

so strömen entgegen Erinnerungen

Träume Gefühle Gerüche und anderes Zeug

das wehtut

oder auch guttut

denn es tut weh und gut zugleich

Wenn du sie öffnest dann kommst Du

zunächst rein und tappst im Dunkel

und es fühlt sich vetraut und liebevoll

verdammt liebevoll

voll verliebedammt

Wenn Du sie öffnest

strampeln heraus kalte Füsse nasse Hände

und eine offene Wunde mitte ins Herz

liebewund humpelst Du zu der nächsten

Station mit der Büchse in Dir

wie eine Zeitbombe

wohlwissend Du hättest sie nicht öffnen sollen

denn Du hast es und jetzt

hat sie Dich.

        

 

     

       Der Herbst schleicht in den Garten...

 

Der Herbst schleicht in den Garten

Die Bäume klettern in meine Gedanken

Mit gespenstischen Körpern,

Glühend rot sind ihre Arme

Die mir eine Geschichte erzählen

Über Verlust, über Liebe

Über den Winter...

Der Herbst und ich tanzen um das

Feuer,

das aus Stunden, Fleisch und Knoten gebastelte

Feuer,

in dem du heute nicht mehr bist

in

dem

du

heute

nicht

mehr

 

bist.

 

 

Moderner Albtraum

 

Bist gefangen in einem Netz,

Dem freudigen, habgierigen, durchsichtigen, sozialen

Netz

Draussen tanzen die Jahreszeiten, die schönen

Lüsternden in Seiden gekleideten Erlen

Während du drinnen in einer

Plastiktüte deine eigenen aufblasbaren

Götterspeise-artigen

Jahreszeiten gebastelt hast

So kreativ

So methodisch hast du

Versucht den Erlen deine flammend roten Gelatinestilettos

Zu verkaufen

Und zugleich so vergebens

Denn die in Seiden verschleierten lüsternden

Jahreszeiten tanzen seit eh und je barfuss...

 

 

 

        Ein anderes Schneeglöckchen Weissröckchen

 

        Es ist dunkel in dem Kristallball

        Die künstlichen Schneeflocken

        Haben Runzeln

        die Mondsichel liegt verblast

        in der Ecke

        Man sagt die Pole würden bald

        tauschen

        Das Telefonieren würde bald so billig sein

        Dass wir uns vor lauter verbindungsmöglichkeiten nicht mehr

        erreichen werden...

        Der vom Aussterben bedrohten Tiger wird zum Helden der

        Abwesenheit

        Gelobt werde sie

        Die Abwesenheit der Schneeflocken,

        Der Mondsichel

        In dem immer dunkler werdenden Kristallball.



 

Lauf und lebe

 

Lauf und lebe

Bewege deine Füße, deine Hände, deinen Kopf

Deine Träume

Bewege mich mit dem Atem deiner Leidenschaft

Trag mich nach oben zur frischen Luft

Hier unten sind die Wege gesperrt

Und die Polizei sucht vergebens nach Tätern

Hier unten sind alle viel zu beschäftigt

Auf der Suche nach goldenen Resten aus der Malhlzeit der

Götter

Hier unten ist es voll von Schlafwanderern

Die früher oder später ihren ewigen Schlafplatz

Finden werden

Diesen Schnäppchenplatz wo man für ein paar tausend Euro

für immer

einparken kann...

Bewege mich ständig von einer Seite auf die andere

Damit ich niemals einschlafe, damit ich niemals

Auf die Idee komme,

Eventuell und ganz nebenbei einzuschlafen.

 

 

 

Erkenntnis

 

Eine Illusion

Diese Hände, die sich gehalten haben

Diese Körper, die sich vereinigt haben

Diese Worte, die sich in Luft aufgelöst haben...

Diese Gefühle, die sich in Resignation umwandelten...

Das alles kann man nicht festhalten

Es gibt keinen Speicherplatz

Für deinen Geruch nach Sex

Für deinen Atem, der sich mit meinem gekreuzt hat

Keinen USB stick, keine Blueray

Keine Digitalkamera,

Kein Ticket zur Ewigkeit

Für diesen Schnappschuss,

In dem du so schön schläfst und ich warte,

Dass du dich drehst.

In diesem Vorraum zu Nichts

Gibt es nur eine Illusion

Von Händen, Körpern, Worten, Gefühlen...

Von uns.

 

 

 

Wuppertal

 

Ich liebe dich

Und diesen Wein

Diese Stadt mit seinen schwebenden Geschichten

Und lauten Assis

In der gemeckert, geschimpft, demonstriert,

rationalisiert, fürsorglich beraten und

Gespendet wird

Umgebaut, abgebaut, undercover,

Wie eine coquette Dame aus alten Zeiten

Die sich mit Heissschokolade

Bekleckert

Und ein Penner der den Jackpot über die Nacht

geknackt hat.

Ein Fluss und ein Tal

Gegen Unendlich gestreckt

Multidimensional, chaotisch und

Doch so übersichtlich

Dieser Wein den ich liebe,

Und mitunter dich.

 

 

Angst

 

Angst vor dem Frühling

Vor rot

Vor meinem violetten Schal

Vor der Stille zwischen uns

Vor der Stille

Vor der Stadt im Stillstand

Vor meinem violetten Schritt

Der sich heute entfernt

Vor der Luft zwischen unseren Händen

Vor dem flammenden Rot der Pferde

Der sich paarend in den Frühling tanzenden

Pferde

Vor meinem violetten Wort

Dem letzten Wort

Vor der Stille.

 

 

 


 

      Glühendes  

 

      Ich habe mich Dir gegeben

      Mit meinen von Sehnsucht verbrannten Lippen,

      Der Sehnsucht meiner Sippe

      In zahmen Jahrhunderten aufgestaut.

      Glühend rot.

      Ich habe Dir das Geschrei       

      Der ungeborenen Kinder in mir einvertraut, die

      Jede Nacht aufwachen und ihren Tribut fordern,

      Wild sind ihre Münde,

      Und ungesättigt.

      Ich habe Dir mein Herz untergeschmuggelt,

      Nachdem ich es aus meiner Brust mit

      Hungrigen Händen herausgerissen hatte

      Ein Baum ist es,           

      Jetzt hängt er raus aus deiner Brust

      mit verbluteten Träumen

      Und ich hoffe Du fühlst

      sein

      Glühendes Wort.

         

       

 

      Niemand

 

      Niemand von denen, die mich verlassen, verdreht, verkrampft

      Verunsichert, verletzt, verraten, vertrieben, vergessen.

      Ich sage, niemand von denen, die mich verwahrlost,

      verdammt, verschlossen, verknetet, versehrt haben

      wird es haben.

         

      Mein Herz.

 

 

         

      Leben unser.

 

      Unser Leben ist hoch

      Und wir zu klein um einen Blick rüber zu werfen

      Unser Leben ist voll

      Von der Leere in uns, von der Leere zwischen uns

      Von blassen körperlosen Sekunden

      Die aus unseren Taschen ständig

      Bedeutungslos runterfallen

      Unser Leben ist lang

      Gegeben unsere Unzulänglichkeit

      Unser Leben ist hier

      Doch wir sind dort

      Verstrandet

      In Papier-, Worte-, Gefühlstapeln,

      In gestern und morgen

      In Managementzeitschriften

      Und Chefsesseln

      Während der Sand aus unseren Knochen läuft

      Und mit ihm es auch.

      Leben unser.

 

 

        

       Es ist der Nebel...

         

       Ich bin ein Ferrari, doch Du fährst mich

       Durch Verkehrsberuhigtezonen,

       Du siehst mich nicht, doch ich rede mir ein

       Es wäre wegen dem Nebel

       Nebel und Herbst und Engelasche

       Vom Himmel über uns nieselnd...

       Du sprichst nicht mit mir, doch ich rede mir ein

       Es wäre sowieso zu laut zum Verständigen

       wegen Menschen, und Träumen,

       und Ellbogen und überhaupt...

       Du steckst einen Dolch in mich ein, doch ich behaupte

       Der Schmerz sei schon längst da gewesen.

       Es ist Nebel und Engelasche

       Die zwischen uns fallen

       Es ist die letzte Liebesstunde, die zwischen uns

       Ihren Grab sorgfältig schaufelt.

 

 

 

       Schnee

         

       Schnee, weiß, schneeweiß, weißes Lied

       Schläft über den Feldern.

       Ich schlafe in Deinen Armen

       Und in mir fließt weiß

       Und warm dein Blut

       Während wir das weiße Lied

       Über den Feldern hören

       Frei und unbeschwert

       Fliegend

       Über den Feldern

       Singt der Schnee

       In weißen ruhigen Flocken

       Ein Lied von der Freiheit.

 

 

 

       Doch Du bist lange nicht mehr da...

 

       Ich stehe auf und Du bist nicht mehr da

       Du bist eine ganze weile nicht mehr da

       Du warst auch vorher nicht da

       Als ich dachte

       Du wärest, wir würden

       Sein, uns lieben, uns ineinander verschwimmen

       Ertrinken, erlösen, schwerelos fliegen

       Uns nacheinander verzerren

       Zusammen einschlafen... umschlingen.

       Nein. Du warst auch vorher nicht da

       Du bist eine ganze weile nicht mehr da

       Du bist nicht mehr da und ich stehe endlich auf.

 

 

 

       Heute schneit es...

 

       Heute schneit es mit großen Flocken

       Über mein erdrosseltes Wort

       Über mein verfetztes Kleid

       Voller Flecken von gestern

       Über meinen Schrei schneit es

       Höflich und ausgewogen

       Voller zuversicht lächelnd

       Mit überdimensionalen Flocken

       Papierschiffe fallen vom Himmel

       Auf diesen Meeresabgrund herab...

       Wo ich liege und warte

       Dass mich jemand hört

       Dass mich jemand endlich hört...

         

         

 

        Es wurde alles gesagt. 

 

        Wir sagen nichts

        Die Worte spielen heute keine Rolle

        Wir blicken uns analytisch

        Und klicken die Macken systematisch in den Abfallkorb

        Wir zählen und sammeln sie sorgfältig

        Für den ultimativen Wegklick

        Daran zu arbeiten lohnt sich nicht

        Denn es gibt einen App für alles

        Wir sagen nichts

        Wir treffen nur entscheidungen

        Zielorientiert und faszinierend kaltblütig

        Ich klicke dich weg

        Du klickst mich weg

        Und so klincken wir uns insgesamt

        Unspektakulär aus dem leben des anderen

        aus...

        Denn die worte spielen heute keine Rolle

        Und wir haben nichts mehr zu sagen

        Was nicht schon vorher gesagt wurde.

 

 

           

            Der letzte Tropf

        

        Es stimmt, das Leben ist eine Einwegflasche

        Irgendwann wird es alle sein.

        Der letzte Tropf auf die Promenade weggeschüttet

        Wo die Hunde zu späten Stunden pinkeln

        und an nichts denken

        Denn das Denken ist eine mehrspurige Autobahn

        Manche drängeln, manche ausweichen,

        Manche rasen unter LKWs, manche stehen ewig im Stau...

        Wo alles schnell und hundertfach passiert

        Während Du schläfst und nichts mehr fühlst.

        Denn das Gefühl ist ein Hochhaus

        Das Du ganz allein erklimmen musst

        Trotz Deiner vorprogrammierten Höhenangst

        Navigationssysteme und selbst Trinkflasche

        Helfen nicht.

        Dort ruht der Himmel in Dich

        Während Du über mehrspurige Autobahnen,

        pinkelnde Hunde und Einwegflaschen

        so schön von oben hinwegsiehst.

       

             

 

        Ralu-Ilinca, Wuppertal 

 

         Die Liebe ist ein unbändiger Fluß

 

         und wir sitzen hier

         in diesem Jetzt

         ohne weitere Pläne.

 

         die Träume wurden geträumt

         die Flügel wurden gebraucht

         das Klavier spuckt die letzte Sonate

         mit Blut

         

         Dein Auge friert meine halben Worte

         noch in der Luft

         da wo die Hände versuchen

         sich noch an Fetzen von Himmel zu halten

 

          Doch der Himmel ist längst voller

          kranker Zellen.

 

          und wir sitzen hier

          in diesem Nichts

          ohne weiteren Uns. 

         

          Die Liebe ist ein unbändiger Fluß.

 

Januar, 2017.



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